
Wir, die Konsumenten der inzwischen unumgänglichen sogenannten Neuen Medien haben mit den Bildwelten,
den Montagen und Serien Thomas Risslers nicht nur indirekt schon lange zu tun. Die Welt begegnet uns nun
in immer weniger schematischen Darstellungen und piktogrammartigen Vereinfachungen wie Clipart- und
sonstigen Bildersammlungen.
Diese entwickelten sich in einer weiteren Stufe zu jedermann verfügbaren
Video- und Audiokürzeln, Film- und Tonsequenzen, bewegten, animierten Bildern, Statements mannigfaltiger
Provenienz und unterschiedlichsten Qualitäten, Anliegen und Inhalten. Immer wieder werden sie kopiert,
geklont, bearbeitet. In Myriaden bevölkern sie als Gigabytemonster heimische Datenträger und
Onlinedatenbanken. Unsere Wirklichkeit wird hier nicht nur gespiegelt, sondern geht auf in einem
virtuellen Paralleluniversum. Immer schnellere Internetverbindungen speisen mit youtube, myspace und
blogs die Quellen der Arbeit Thomas Risslers.
Eine überindividualisierte Gesellschaft bedient sich eines zwar unübersichtlich großen, aber dennoch
für alle gleich verfügbaren Pools an Zeichen und Gesten, um eben diese Individualisierung zu erreichen.
So entsteht der paradoxe Eindruck von Gleichartigkeit bei größtmöglicher Anstrengung zur Unterscheidung.
Der Künstler saugt sie auf, diese alles überdeckende Flut, in seinem kaum stillbaren Verlangen nach
Visualisierung.
Bis dato nutzte Thomas Rissler in erster Linie die im Netz zur Verfügung stehenden
Stand-Bilder für seine Arbeit, die Umsetzung in Computergrafik und ihre Zurückentwicklung in das erste
effektive Massenmedium: Holzschnitt.
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Die eingangs beschriebene Entwicklung des Kommunikationsflusses
über immer schnellere wie auch immer erschwinglichere Internetleitungen, über für Jedermann beherrschbare
Hard- und Software, bedeutet auch für den Künstler als Nutzer des Systems eine neue Herausforderung,
ein neues Herangehen an das nun bewegte Bild.
Wir gelangen zum Begriff der Gegenöffentlichkeit: Der Begriff beschreibt Medien und Methoden, um
Informationen, die in den Massenmedien bewusst oder unbewusst verschwiegen werden, publik zu machen.
Oft wird mit Gegenöffentlichkeit auch der Inhalt der Information selbst oder die Adressaten dieser
Information gemeint. Mit der Verbreitung des Internet hat die Gegenöffentlichkeit ein ideales Forum
gefunden.
Die Medien der Gegenöffentlichkeit unterstellen den etablierten Medien, sie würden Tatsachen absichtlich
unterschlagen. Etablierte Medien hingegen kritisieren die Gegenöffentlichkeit gelegentlich als unseriös
und Verschwörungstheorien verbreitend. Dies ist äquivalent mit dem Entstehen des Buchdrucks, des
Holzschnitts und seiner Eigenschaft als Instrument der frühen Aufklärung breiter Bevölkerungsebenen.
Es ist hier kaum möglich, auf Inhalte und Qualitäten einzugehen, die erwähnten einschlägigen
Videoportale zeugen jedoch signifikant vom Bedürfnis großer Teile der globalen Gesellschaft sich zu
äußern, sich zu artikulieren vor einem größt möglichen Publikum.
Dies geschieht, neben anderen formalen
Ansätzen, in schier endlosen Frontalansprachen an Abertausende von potentiellen Zusehern. In der steten
Erwartung einer positiven Bewertung, mitunter auch des Entdecktwerdens etwa durch die Foren durchkämmende
Castingscouts: Superstarphänomene.
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Thomas Rissler sammelt nun wieder. Videobotschaften jeglicher Art werden gesichtet, archiviert,
bearbeitet. Die Flut medialen Materials ist so überwältigend, dass der heimische Rechner bis an seine
Grenzen bemüht werden muss.
Bei der Videobearbeitung genügen nicht mehr nur jeweils eine Video- und
Audiospur, analog zu seinen bisherigen seriellen Bildhängungen, füllen nun den Monitor oder die durch
den Projektor animierte Ausstellungswand viele gleichzeitig ablaufende Videos. Sequenzen von Monologen,
Handlungen, Anweisungen, Aufrufen und sonstigen Meinungsäußerungen, nur vage werden inhaltliche
Zusammenhänge sichtbar.
Alles spricht auf den Betrachter ein, ein Konzentrieren auf einzelne Anliegen
wird zur Farce. Der Film entwickelt sich zum Kommunikationsdesaster. Begleitende, beschreibende
Kommentare erübrigen sich. Die Bilderflut ist unaufhaltsam, erklärt sich selbst und sie genügt sich
selbst. Nicht mehr und nicht weniger.
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